Analyse der aktuellen Marktlage und Ausblick 2026–2028 | Wien, 23. Juli 2026 (Update des Berichts vom 08. April 2026)
Der zweite Energiepreis-Peak ist da – schneller als im April erwartet
Im April stellte dieser Bericht die Frage, ob sich 2022 wiederholt. Drei Monate später ist die Antwort klarer, als vielen lieb sein dürfte: Der Gaspreis an der Börse hat mit 63,17 €/MWh ein neues Jahreshoch erreicht – über dem bisherigen Peak vom März. Der Strompreis zieht mit, die Straße von Hormus gilt seit 19. Juli erneut offiziell als geschlossen. Das im April skizzierte Negativszenario tritt ein – und zwar früher, als die damalige Prognose für möglich hielt.
- Update: Wo wir heute stehen
Der April-Bericht verglich zwei Anstiegsphasen – jene vor dem historischen Peak 2022 und jene, die sich Ende 2025/Anfang 2026 abzeichnete. Die entscheidende Frage war, ob die zweite Phase in einer ähnlichen Spitze münden würde. Die Antwort aus heutiger Sicht: Es kommt nicht zu einer einmaligen Spitze, sondern zu einer Serie von Nachbeben – mit jedem neuen Bruch der Waffenruhe ein neuer, höherer Ausschlag.
Der Verlauf seit April in Kürze: Nach der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens am 8. April beruhigten sich die Preise bis in den Juni hinein spürbar (Gas fiel zeitweise auf 42–43 €/MWh). Anfang Juli erklärte die iranische Führung ihre Verpflichtungen aus dem Abkommen für hinfällig, US-Präsident Trump erklärte die Waffenruhe seinerseits für beendet. Bei einem iranischen Raketenangriff auf eine US-Basis in Jordanien starben zwei amerikanische Soldaten, ein weiterer im Nordirak; die USA reagierten mit Vergeltungsschlägen gegen die Revolutionsgarden. Am 19. Juli erklärte der Iran die Straße von Hormus erneut für geschlossen. Vermittler – zuletzt Katar mit einem Vorschlag für einen regulierten Schifffahrtskorridor – bemühen sich um eine neue, vorerst zehntägige Waffenruhe, bislang ohne Ergebnis. Verteidigungsminister Hegseth bezifferte die bisherigen Kriegskosten der USA vor dem Senat auf 37,5 Mrd. USD (zuvor 29 Mrd. USD).
„Der Krieg gegen den Iran kostet die USA nach Angaben von Verteidigungsminister Hegseth inzwischen 37,5 Milliarden Dollar.“ — Anhörung im US-Senat, 21. Juli 2026
- Aktuelle Marktdaten (Stand: 23. Juli 2026)
- Gas Day-Ahead (Börse): 63,17 €/MWh — neues Jahreshoch, ca. +50 % seit dem Zwischentief Mitte Juni (~42 €/MWh), über dem bisherigen März-Peak von 56,79 €/MWh.
- Strom Day-Ahead (Börse): 134,60 €/MWh, mit Tagesspitzen über 190 €/MWh im bisherigen Sommerverlauf.
- Rohöl (Spot): 76,13 USD/Barrel — seit dem Tief Ende Juni (~61 USD) deutlich im Steigen.
- ÖSPI Monat (Strompreisindex, Stand 23.06.2026, vor dem jüngsten Preissprung berechnet): 97,71 €/MWh, +13,4 % ggü. Vormonat, +25,0 % ggü. Juli 2025.
- ÖSPI Quartal (Q3 2026): 98,70 €/MWh, +34,8 % ggü. Vorquartal, +16,7 % ggü. Q3 2025.
- ÖGPI Monat (Gaspreisindex): 47,68 €/MWh, −2,9 % ggü. Vormonat, +16,3 % ggü. Juli 2025 — auch dieser Wert datiert vor dem jüngsten Sprung auf 63,17 €/MWh und wird bei der nächsten Veröffentlichung (23. September) voraussichtlich deutlich höher ausfallen.
- Deutsche Gasspeicher (17.07.2026): 45,0 % gefüllt (rund 111 TWh) — 11,3 Prozentpunkte unter dem Vorjahreswert, Befüllung kommt seit Wochen nur sehr langsam voran (+0,1 Prozentpunkte/Tag).
- Straße von Hormus: von Iran am 19.07.2026 erneut offiziell für geschlossen erklärt; IMO warnt vor Durchfahrt. De facto kein vollständiger Stillstand, aber stark reduzierter, teurer und riskanter Verkehr — Analysten beschreiben es treffend als „nicht verschlossene Tür, sondern teures Drehkreuz“: Hunderte Tanker liegen vor Anker, während vereinzelt Schiffe über eine mit dem Iran abgestimmte „nördliche Route“ passieren.
Quellen: Day-Ahead-Börsendaten (Stand 23.07.2026), Österreichische Energieagentur (Strom- und Gaspreisindizes 2.0), Gas Infrastructure Europe (AGSI+), IMO/UKMTO, US-Senatsanhörung 21.07.2026.
- Einordnung: Welches Szenario tritt ein?
Der April-Bericht hatte drei Szenarien für die Entwicklung bis 2027/28 skizziert. Der heutige Stand erlaubt eine erste Zwischenbilanz:
Szenario A („Entspannung“) ist ausgeschieden. Die Straße von Hormus wurde nicht wieder geöffnet, sondern Mitte Juli erneut für geschlossen erklärt. Die im April erwartete Normalisierung bis Sommer 2026 ist nicht eingetreten.
Szenario B („Anhaltende Krise“) tritt ein — und zwar schneller als im April prognostiziert. Der Bericht hatte für dieses Szenario Großhandels-Strompreise von 150–250 €/MWh „bis Herbst/Winter 2026“ vorausgesagt. Mit Tagesspitzen von über 190 €/MWh liegt der Markt bereits jetzt, Ende Juli, in der unteren Bandbreite dieses Zielkorridors — rund zwei bis drei Monate früher als angenommen. Die Kombination aus brüchiger Waffenruhe, erneuter Hormus-Sperre und einem Gasspeicherstand, der 11 Prozentpunkte unter Vorjahresniveau liegt, deckt sich exakt mit den im April genannten Voraussetzungen für dieses Szenario.
Szenario C („Eskalation“, 400–500 €/MWh) ist nicht ausgeschlossen, aber noch nicht erreicht. Die Voraussetzungen — Angriffe auf saudi-arabische oder emiratische Energieanlagen, ein totaler (nicht nur faktischer) Ausfall der Hormus-Route über Monate, kombiniert mit einer Dunkelflaute im Winter 2026/27 — sind bislang nicht in vollem Umfang eingetreten. Die aktuelle Berichtslage (Tankerbeschuss im Roten Meer, Huthi-Angriffe auf saudische Tanker) zeigt aber, dass sich der Konflikt geografisch ausweitet, was das Risiko für dieses Szenario erhöht statt verringert.
Zwischenfazit: Der Markt befindet sich damit näher an Szenario B als an jeder anderen Variante — mit steigendem Risiko einer Verschiebung Richtung Szenario C, sollte sich der Konflikt auf weitere Golfstaaten oder die Handelsrouten im Roten Meer ausweiten.
- Was sich strukturell bestätigt hat
Die im April beschriebenen strukturellen Treiber wirken unverändert, teils verstärkt:
- Merit-Order-Prinzip: Der Strompreis folgt weiterhin dem Gaspreis in Stunden, in denen Gaskraftwerke preissetzend sind. Der Sprung von 63,17 €/MWh Gas auf 134,60 €/MWh Strom bestätigt den Mechanismus unverändert.
- Gasspeicher als Schwachstelle: Die Befüllung für den Winter 2026/27 kommt trotz Sommer-Einspeicherperiode nur im Schneckentempo voran (+0,1 Prozentpunkte/Tag Mitte Juli). Bei diesem Tempo ist ein Erreichen der ursprünglich für einen „normalen Winter“ als ausreichend geltenden rund 76 % bis November alles andere als sicher.
- Österreichs Exposition über den deutschen Markt bleibt unverändert bestehen — Phelix-AT-Kopplung, keine eigene LNG-Infrastruktur, hoher Wasserkraftanteil als Puffer, aber kein Ersatz bei anhaltend hohen Gaspreisen.
- Was das für Haushalte und Unternehmen jetzt bedeutet
Die im April gegebenen Empfehlungen gelten unverändert, mit erhöhter Dringlichkeit:
Für Haushaltskunden: Fenster für günstige Fixpreistarife schließen sich mit jeder weiteren Eskalationsstufe schneller. Versorger, die zwischenzeitlich Preissenkungen vorgenommen hatten, haben diese teils bereits wieder zurückgenommen.
Für Unternehmen: Die Tranchenbeschaffung bleibt die zentrale Absicherungsstrategie gegen Timing-Risiko. Zusätzlich rückt angesichts der Volatilität ein Thema stärker in den Vordergrund, das im April noch nachrangig war: die Kappung von Lastspitzen. Wenn der Strompreis an einzelnen Tagen zwischen 100 und über 190 €/MWh schwankt, wird die gezielte Vermeidung von Bezug in Hochpreisstunden – über Eigenverbrauchsoptimierung und Batteriespeicher – zu einem quantifizierbaren betriebswirtschaftlichen Hebel, nicht nur zu einer Frage der Versorgungssicherheit.
Eigene Photovoltaik-Anlagen bleiben, wie im April festgestellt, mit Gestehungskosten von rund 5 Cent/kWh über 25 bis 30 Jahre ein stabiler Preisdeckel unabhängig von der weiteren Entwicklung des Konflikts.
- Fazit
Der April-Bericht endete mit der Feststellung, dass die Zeit billiger Energie strukturell vorbei ist, und mit der offenen Frage, ob ein zweiter historischer Peak bevorsteht. Drei Monate später lässt sich präzisieren: Ein zweiter Peak im Ausmaß von 2022 (rund 500 €/MWh) ist noch nicht erreicht — aber die Entwicklung folgt dem damals als „anhaltende Krise“ bezeichneten Pfad, und zwar schneller, als die eigene Prognose vom April vorsah. Die entscheidenden Variablen sind dieselben geblieben: die Dauer und Reichweite der Hormus-Sperre, der Ausgang der Vermittlungsbemühungen (aktuell: Katar), der Winter 2026/27 und das Tempo, mit dem Speicher und erneuerbare Kapazitäten die Lücke schließen können. Der Sommer 2026 hat die im April gestellte Frage nicht beruhigend beantwortet.
Quellen & Datengrundlagen (Update)
- Österreichische Energieagentur (AEA): Strom- und Gaspreisindizes 2.0, Pressemitteilung 23.06.2026 (energyagency.at)
- Gas Infrastructure Europe (AGSI+): Füllstand deutscher Gasspeicher, Stand 17.07.2026
- IMO / UKMTO: Sicherheitswarnungen Straße von Hormus, Stand 19.–21.07.2026
- Day-Ahead-Börsendaten Gas/Strom/Öl, Stand 23.07.2026
- NZZ, Iran-Krieg Live-Ticker, 21.–22.07.2026
- US-Senatsanhörung, Aussage Verteidigungsminister Hegseth, 21.07.2026
- Vorheriger Bericht: „Droht Österreich ein zweiter Energiepreis-Peak?“, 08.04.2026 (Basis dieses Updates)